Ein paar Texte

#Vielleicht

Kann ein einziges Lied,
das ich in der Kammer schrieb,
im Meer gestreamter Musik?

Kann ein einziger Song,
still, zart und verlor’n
ohne Hass oder Zorn?

Kann ein einziger Ton,
klar, hell, ohne Argwohn
gescheucht von seinem Klon?

Ein – mein – Dein Leben verändern?
Hashtag vielleicht
wird dieses Ziel nie erreicht.

Kann ein einziger Mensch,
gepolt auf Deine Frequenz
mit freundschaftlicher Tendenz?

Kann ein einziger Tag,
der Deinen Trott überragt,
als surrealer Spagat?

Kann ein einziges Jahr,
welches keine Kinder gebar,
nie in Rekordgefahr war?

Mit Dir in Gedanken schlendern?
Hashtag vielleicht
wird das Ziel irgendwann erreicht.

Kann ein einziger Mensch?
Kann ein einziges Wort?
Kann ein einziger Ton?

Hashtag vielleicht, gar nicht so leicht.
Hashtag vielleicht, kein Herz erweicht,
Hashtag vielleicht, ich hab’s vergeigt.

Kann ein einziger Tag?
Kann ein einziger Jahr?
Kann ein einziges Lied?

Dieses vielleicht…

Hochzeitsnotizen = ausführliche Anekdote

Ein nicht mehr ganz junger Mann sitzt im feinen Zwirn auf einer Bank, die am Ufer eines Sees steht. Zwischen Bank und Seeuferzone schlängelt sich ein Pfad, auf dem sich eine endlose Reihe von Hetero- und Homopaaren mit Hund dahin schiebt. Kinder sind nur äußerst selten unter den Seeumrundenden. Ein älteres Ehepaar ohne Hund (!) nähert sich der Bank.

Älterer Herr: „Ob wir uns wohl auf Ihre Bank setzen dürften, Herr Professor?”
Mitteljunger Mann: „Ich bin weder Professor noch Eigentümer dieser Bank – nur zu.”

Der ältere Herr setzt sich neben den Nicht-Professor, die ältere Frau setzt sich an den Rand der Bank und seufzt leise auf. Der nicht mehr ganz junge Mann schaut auf seine Uhr. Alle drei beobachten, wie sich der 427. Hund, ein rattenähnliches Geschöpf, von seinen Herrchen hinterher zerren lässt. Eine siebenköpfige Entenfamilie zieht auf der glatten Wasseroberfläche ihre Bahnen.

Älterer Herr: „Guck einmal Ruth, ganz schon fleißig gewesen, die Entlein!”
Die ältere Frau kichert.
Älterer Herr zum mittelalten Mann gewandt: „Früher hatten die Leute Kinder, heuten haben sie Hunde…”
Mittelalter Herr: „Der demographische Wandel scheint unaufhaltbar. Die Ausbildungen dauern immer länger und die Gesellschaft ist einfach kinderfeindlich. Ich sage nur Stichwort Betreuungsgeld statt Kita-Plätze für alle Kinder.”
Älterer Herr: „Unser Sohn hat sich seiner Arbeit verschrieben. Zeit für etwas Festes bleibe da nicht und die meisten jungen Frauen seien nicht zu gebrauchen. Von Enkelkindern wagen wir gar nicht mehr zu träumen. Der Jüngste ist er mittlerweile auch nicht mehr. Er hat ein schönes Appartement in Genf, dort hat er mir beim letzten Mal seinen Lieblingsplatz auf der Terrasse gezeigt. ‘Hier sitze ich immer und arbeite, Papa.’ Er verdient nicht schlecht, aber das Leben in der Schweiz ist nicht gerade günstig…”

Der nicht mehr ganz junge Mann sieht auf die Uhr.

Älterer Herr: „…nach einigem Hin und Her will er akademisch bleiben. Japanologie, ist wirklich kompliziert mit den Hunderten von Symbolen. Lässt sich allerdings lernen, genügend Fleiß vorausgesetzt. Das ist eine richtige Wissenschaft, die man leicht unterschätzt. Für Kinder haben ernsthafte Japanologen daher keine Zeit. Naja, man kann…”

Der nicht mehr ganz junge Mann sieht erneut auf die Uhr.

Mittelalter Mann: „Hat mich sehr gefreut – ich muss jetzt los, ansonsten komme ich zu spät zur Hochzeit.”
Älterer Herr: „Ihre Hochzeit?”
Mittelalter Mann: „Nein, ich bin nur Gast.”
Älterer Herr: „Viel Freude bei der Feier!”

Später, am Singletisch, plustert sich ein Psychologe mit Einser-Abi auf und ruft in die Runde: „Japanologie ist keine Wissenschaft!”

Karriere im Zeitraffer.

Führungskraft geworden. Schluss mit den Silbenmorden. Jungen Frauen hinterher geschmachtet. Das Glück hatten andere gepachtet. Pläne und Thesen geschmiedet. Das Temperament der Kollegen befriedet. Beim Minigolf versagt. Am Rechner verausgabt. Alle Mitarbeiter davon gejagd. Ständig vom Gewissen geplagt. Wieder gelaufen. Die Patellasehnen rauchen. Geächzt unter geistiger Last. Dabei den Sommer verpasst. Sechs Monate ohne Date. Dafür jetzt mit Macht, it’s never too late. Erneut Feuer gefangen. Fahrt aufgenommen in allen Belangen. Jäher Aufstieg und tiefer Fall. Formvollendet samt großem Knall.

Zu wenig Erfolg, zu viele Gaffer. Karriere im Zeitraffer.

I wanna be your disco boy!

Die Menschenschlange setzte sich hinter der Hausecke fort. Buki hatte uns gewarnt. Vor dem Andrang, dem Durchschnittsgast (schlecht deutsch sprechende Frauen auf Männerjagd, schlecht deutsch sprechende Männer auf MännerFrauenjagd) und dem, was später folgen sollte. So musste sich das Einkaufen in einer sozialistischen Gesellschaft mit reglementiertem Markt in der Zerfallsphase anfühlen. Nicht, dass ich etwas Vergleichbares je erlebt hätte.

Menschenschlangen bildeten sich in Norddeutschland selten, die namensgebenden Reptilien waren noch seltener. Die letzte Blindschleiche hatte ich als Kind auf dem Dorfweg gefunden. Der Kiefer zermahlen vom großprofiligen Autoreifen eines Jeeps, in dem eine tierliebende Mutter ihre tierliebende zehnjährige Tochter gerade zum Reiten gefahren hatte. Es starben einfach zu viele Schlangen auf deutschen Feldwegen und Hauptstraßen. Igel, Nachtfalter, Krokodile und Kühe sowieso.

Aber in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher herbei als einen Jeep, dessen Fahrerin auf der Reeperbahn die Kontrolle über ihren Wagen verlor, und nicht verhindern konnte, dass das motorisierte Ungeheuer in eine Nebenstraße hineinglitt und gnadenlos eine Schneise in die Grüppchen von Nachtschwärmern, Junkies, Drogenhändlern, Dorftrotteln, Bankkaufleuten und Yuppies mähte, die alle Nebenstraßen Hamburgs vermeintlich sündigster Meile jede Samstagnacht verstofften. Und mir den Weg versperrten, nein, die Last aufbürdeten, mich hinten in der Menschenschlange anzustellen. Für die Balkannacht wohlgemerkt, von der ich bereits vor ihrem Beginn wusste, wie sie für mich enden würde. Nämlich mit 3 1/2 miesen Stunden Schlaf und fünf Stunden tänzerischen Verrenkungen in den Knochen sowie Dutzenden Bildern von prallen Dekolletés und einladenden Hinterteilen feister Balkan Bitches im Kopf, die mich tagelang im wahrsten Sinne des Wortes umtrieben. Und so stand auf meinem Grabstein der für Außenstehende unverständliche Sinnspruch: “Und nächtlich grüßte der Balkan.”

Denn plötzlich schoss der Jeep heran, walzte erst die Straßenlaterne vor mir und dann mich nieder, schleifte drei weitere Balkanesen in spé die verbleibenden sieben Meter über den Rasen mit, bis seine Motorhaube mit einem Kreischen in der Hauswand des Grünspans zum Stehen kam. Dabei wurden zwei über die Stadtviertelgrenzen berühmte Graffitis, die in pinken Farbtönen gestaltete Aufforderung “Fuck the norm!” des Szenesprayers Johnny G. und die fleischfarbene Pobacke, von einer weiblichen Künstlerin erschaffen und an Arnold Schwarzeneggers Hintern in guten Zeiten gemahnend, zerstört. Und ich war sofort tot.

Das heißt nein, ich wäre sofort tot gewesen, hätte es den Jeep gegeben. Doch hätte es den Jeep gegeben, so wäre ich dank meines hervorragenden Gehörs auf den heran rauschenden Fünf-Tonnen-Metalltorpedo mit Reifen aufmerksam geworden und hätte mich mit einem Sprung auf den Rasen in Sicherheit gebracht. Die vordere Stoßstange und die Kotflügel des roten (Blut hatte sich in mehreren Schichten über die ursprüngliche Farbe gelegt) Jeeps hätten reiche Ernte in der Menschenschlange halten können. Aber kein Jeep kam und das Kreischen einer vielleicht 21-jährigen Schönheit mit langen dunklen Locken und perfekten Balkanmaßen riss mich aus meinen mörderischen Gedanken.

Egon und Buki diskutierten darüber, dass Affen die neuen Drachen seien. Was sich sowohl auf Tattoos als auch Schulterschmuck beim Fasching oder Karneval bezog. Ich verstand nicht, worauf sie hinaus wollten. Statt dessen begann ich mit dem Taschenrechner meines Nokia-Knochens zu berechnen, wie lange die exakte Wartezeit betrug, bis die Menschenschlange vor uns vollständig in den Club gekrochen war. Hoffentlich wurden mehrere der größeren Männergruppen, die sich in die Schlange gemischt hatten, auch an der Tür abgewiesen, so bliebe mehr Balkananschauungsmaterial für nette Akademiker wie mich.

Erst zaghaft, dann mit Nachdruck brüllte ich die erlösenden Worte in den Raum: “I wanna be your disco boy!”.

Unstillbares Verlangen

Britische Wissenschaftler fanden heraus, dass der Mensch 20 Kleidungsstücke benötigt, um glücklich zu sein. Darunter zwei Hosen, ein paar Sockenpaare und drei Schlüpfer. Ich besitze insgesamt 300 Hosen, Sakkos, Socken, Pullis, Shirts, Unterhemden, Bodys für den Mann, Badehosen, Mützen, Jacken, Shorts, Schals, Strickjacken, Mäntel, Handschuhe, Leggings, Turnschuhe, Tigertangas äh Unterhosen, Netzoberteile, Hemden, Krawatten und Lederschuhe.

Diese chronische Unterversorgung mit Stoffen quält mich jeden Morgen nach dem Aufstehen, teilweise schon vorher. Was soll ich anziehen und wie werden meine Mitmenschen reagieren, falls ich zweimal im Monat gleich gekleidet auftrete? Klamotten langweilen Alltagsmodell und Betrachter spätestens nach dem dritten Tragen, ab dem sechsten Hineinschlüpfen protestiert mein Körper mit einem Juckreiz. Nach dem zehnten Mal lodern Flammen aus dem Wäschekorb oder Scherenblätter durchstoßen harmlose Nähte und Stoffflächen. Wie eine Hyäne schleiche ich durch die Einkaufspassagen meiner Umgebung, auf der Suche nach mehrfach reduzierten Sonderangeboten. In Farben, die von Krankheit künden, oder Schnitten, die auf den Tod hindeuten. Aas eben. Nahrung für mein Auge und Balsam für meinen Leib. Bis zum unseligen dritten Mal.

Die Augen meines in Lumpen gehüllten, physischen Ichs schauen in den Raum mit dem Herd: Die Küchenregale biegen sich unter Vorräten, der Kühlschrank ächzt beladen vor sich hin und auf der Arbeitsplatte türmen sich Besorgungen, die irgendwo zu verstauen wären. Mir fehlen dennoch Dinge und ich renne in den Supermarkt, schaufele mir den Einkaufswagen voll und schleppe die Beute nach Hause. Dort wachsen die Vorratshaufen, der Kühlschrank wird Opfer einer weiteren Käse-Milch-Joghurt-Wurst-Vergewaltigung und die Arbeitsplatte verschwindet vollends unter Verpackungen. Meine Zunge fährt über Plastik, hinter dem sich Salamischeiben befinden. Mein Rücken scheuert an Baguettestangen entlang, während meine Hand über Nudeln in Beuteln streicht. Nach fünf Minuten surrt das Kühlgerät vor sich hin und beschallt einen verlassenen Raum. Regale brechen mit Getöse zusammen und eine Arbeitsplatte verendet wie ein eingequetschtes Erdbebenopfer. Ich gehe zu einem Mittagstisch um die Ecke und esse mich satt. Wer weiß, wie hart der Winter noch wird und ob die Nahrungsmittelversorgung der Stadtbevölkerung sichergestellt werden kann.

Abends auf der Party von Freunden quält mich ein Gefühl der Trockenheit, in Mund und Magen. Wie ein zwei Wochen in die Karawane gezwungenes Kamel dem Wasserloch nähere ich mich der Cocktailbar und inhaliere die ersten drei. Ob blau, grün, rot oder weiß, sie schmecken alle gleich, nach dem Nichts, nach mehr! An der Bowleschüssel entlaste ich den Geschirrspüler der Gastgeber und wehre mich nicht gegen mein wölfisches Erbe. Schnelle Zungenstöße benetzten den Gaumen mit dem köstlichen Nass. Auf die Technik kommt es an, wie ich von unserem Familienhund gelernt habe. Wein und Bier lasse ich in Bächen in mich hineinlaufen, das Gurgeln aus meiner Ecke scheint niemanden zu schockieren. Stunden vergehen und literweise werden Flüssigkeiten gekühlt, vermischt, erhitzt, getrennt und wieder ausgeschieden. Besudelt und von Sinnen verschwinde ich spät in der Nacht. Am Morgen begrüßt mich mein treuerster Gefährte: Der Kopfschmerz Durst.

Im Urlaub schieße ich unentwegt Fotos und vergesse bisweilen, Land, Leute und die Eindrücke zu genießen. Wie ein erlebnishungriges Kind stolpere ich durch alte Tempel und Kirchen, Basare und Konsumpaläste, dorfgleiche Ferienanlagen und Häuserschluchten von Kreuzfahrtschiffen. Auf zwei oder vier Rädern juckele ich über aus dem trocken gelegten SumpfBoden gestampfte Autobahnen, Schotterpisten, die ausgetrocknete Flussbetten kreuzen, oder winde mich Serpentinen entlang. Am Ende der zwei Wochen stehen mehr Kilometer auf der Mietwagenanzeige als nach zehn normalen Pendlertagen plus Wochenende. Zu Hause hake ich Land X ab und blättere in Katalogen über Land Y. Die Bilder schaue ich mir danach höchstens zweimal an und lasse sie auf der Festplatte oder im Album verstauben.

Wenn ich gerade nichts kaufe, dann überlege ich, was ich als nächstes kaufen könnte. Die Überlegung bereitet mir Freude, der Akt des Kaufens nicht. Raffen, stopfen, erhaschen, sammeln, auftürmen, haben wollen, bunkern, sichern, besitzen müssen, aus alt mach neu, Leere mit Gegenständen füllen, aus kaputt wird neu, überflüssig, aber neu, doppelt vorhanden, sieht schöner aus, brauche ich nicht, war jedoch billig.

Viele Menschen fühlen sich zu etwas berufen, meine Berufung ist der Konsum. Ich will immer mehr, alles von allem und zwar sofort! Heute, morgen, in drei Jahren, als Familienvater oder Greis. Solange, bis der PC die Eingabe meiner Kreditkartennummer verweigert, niemand meine Euroscheine nach der Währungsumstellung akzeptiert oder man die EC-Karte meinen leichenstarren Fingern entwindet…

Nachgedacht

Den Job hingeschmissen. Zwänge des Alltags abgestreift. Menschen, die ich einmal Freunde nannte, aussortiert. Ein Bild gemalt. Im Garten gearbeitet. Das Auto abgemeldet. Den Alkoholkonsum gedrosselt. Um Rat gebeten. In die Kirche gegangen. Den Fernseher in den Keller gebracht. Alle Geburtstagskinder angerufen. Bioobst verzehrt. Ein paar Wochen Balkonien eingeschoben. Oma besucht. Mit dem Partyrauchen aufgehört. Statt Schoki Möhrenstäbchen genascht. Jede Woche dreimal beim Sport geschwitzt. Klassischer Musik gelauscht. Unter der Woche zeitig ins Bett gegangen. Bei jeder Einladung erschienen und gute Laune aufgelegt. Vor dem Einschlafen zehn Seiten gelesen. Keine Mail geschrieben, während ich mit Mama telefonierte. Meine Freundin nicht betrogen, als sich die Gelegenheit bot (er hieß Michael). Selten gelogen. Nur vier Mal geschrien pro Monat. Mich nicht muksch im Zimmer eingeschlossen. Keine SMS geschickt, sondern pünktlich gewesen. Den Rechner eine Woche aus gelassen. Höchstens jeden dritten Tag Fleisch gegessen. Die Heizung über den Tag ‘runtergedreht. Keine Silvesterböller gekauft. Mir die eine DVD verkniffen. Alle zurückgerufen, die mir eine Nachricht hinterließen. Beim Zahnarzt gewesen. Beide Grippeimpfungen machen lassen. Nicht auf Toilette telefoniert. Das Licht nur in einem Zimmer angeschaltet gelassen. Härter gegen mich selbst und weicher gegen andere gewesen. Nicht am Steuer geflucht. Mit dem Fahrrad vorschriftsmäßig gefahren. Einen Tag lang keine Musik gehört. Alle meine Abos gelesen. So oft im Fitnessstudio gewesen, dass es sich rentierte. Die Wohnung geputzt. Zweimal am Wochenende gekocht. Die ausstehenden Bewertungen bei Ebay vorgenommen. Ehrlich meine Meinung gesagt. Alle Überweisungen erledigt. Nichts im Internet bestellt. Für die Prüfung gelernt. Die Hausarbeit beendet. Am Samstag nüchtern geblieben. Über mein Gehalt verhandelt. Nichts gekifft. Tagelang gesund ernährt. Niemand geschlagen. Fremde Menschen angelächelt. Punkte auf den gelben Zetteln abgehakt. Einen Brief verschickt. Mich beworben. Wohnungen angeguckt. Geweint. Mein Testament aufgesetzt. Den Organspendeausweis unterschrieben. Nicht auf Manager und Politiker geschimpft. Mich gesonnt. Jemanden umarmt. Mich täglich rasiert. Einen Monat kein Fastfood geschlabbert. Die Reise nach Berlin geplant. Nach dem Sport geduscht. Täglich die Unterwäsche gewechselt. Nichts Neues gekauft. Den Boden entrümpelt. Eine Jeans im Büro getragen. Den Kleiderschrank ausgemistet. Die Fotos sortiert und eingeklebt. Meine Papiere geordnet. Den Rechner neu gemacht. Nichts verschoben. Mit ihr ausgegangen. Ihn getroffen. Den Knopf angenäht. Die Reinigung aufgesucht. Das abgemeldete Auto in die Werkstatt gegeben. Vorhänge gewaschen. Ausgeschlafen. Im Bett gefrühstückt. Eine Städtereise unternommen. Geschwiegen. Nachgedacht. Dinge geändert. Versucht, glücklich zu sein…

Das imaginäre Interview

Wir setzen heute unsere lose SPARGEL-Interviewreihe “Der Mensch hinter dem Bestseller” mit dem jungen Autor Zonning Schtrauß fort. Er hat mit seinem Debütroman “Berufsmonotonie” für Furore gesorgt und aus dem literarischen Nichts die Bestsellerliste gestürmt (s. SPARGEL 13/2010 – Banalität des Seins, Anm. der Red.). Wir haben ihn in seiner Hamburger Wohnung aufgesucht und unseren bewährten Fragenkatalog vor ihm ausgerollt. Mit einigen Ausnahmen, wie sich zeigen sollte.

Laut seiner detailfreudigen Beschreibung fanden wir das Haus spielend. Rotes Eckhaus, solider Hamburger Backstein, ein vertrauter Anblick. Wir klingelten wie aufgetragen bei R. Müller und standen uns eine Weile die Beine in den Bauch. Kurz vor dem Kontrollanruf unter seiner uns vorliegenden Nummer surrte es endlich in der Tür. Das Treppenhaus war in einem gepflegten Zustand, eine einsame Yukka-Palme flankierte den Flur, an vielen Türen war kein Namensschild angebracht. Im zweiten Stock erwartete uns eine geöffnete Tür, in deren Rahmen eine ältere Frau stand, die sich ihre Hände an ihrer blau geblümten Schürze abstrich. Wohnte Zonning Schtrauß noch bei seiner Mutter? Auf unsere Frage, ob sie Frau Müller und hier Herr R. Müller anzutreffen sei, schüttelte die Frau heftig den Kopf und zeigte mit ihrem Finger nach oben. Sie fügte hinzu, dass der Spinner im Dachgeschoss wohne.

Wir stiefelten hinauf und wurden in der Endetage von einem unangenehmen Geruch begrüßt, der wahrscheinlich von dem Schuhhaufen ausströmte, der sich gegenüber der in diesem Stock gelegenen Wohnungstür auftürmte. Die Wohnung, in der wir den Schtrauß vermuteten, verfügte über keinen Klingelknopf, sondern einen gusseisernen Türklopfer in Schlangenform, vor der Türschwelle lag eine Fußmatte mit der Aufschrift “Pornorico”. Kaum war die metallene Schlange in Bewegung gesetzt, öffnete sich die Tür und uns blickte ein unrasierter, untersetzter Mitdreißiger mit müden Augen und dunklem Haar entgegen. Ein einst weißes Unterhemd war halb in seine Hose gestopft, die hastig hochgezogen schien, und unsere geübten Redakteuraugen sprangen die offenen Knöpfe des Hosenschlitzes an.


“Ja bitte, Sie wünschen”, sagte der Mann.
“Sind Sie Zonning Schtrauß? Wir kommen vom SPARGEL wegen des Interviews.”
“Ah ja, natürlich. Verzeihung, dass ich Sie warten ließ. Ich hatte gerade einen guten Einfall, den ich verarbeiten musste.”

Er gab uns beiden die Hand und erreichte auf der SPARGEL-internen Handschlageinstufungsskala zwischen tote Hasenpfote und Knochenbrecher eine klare Mümmlerextremität, aus der das Leben vor einiger Zeit gewichen war. Er bat uns hinein und andächtig durchschritten wir seinen Wohnungsflur. Feuerschalen säumten die grob behauenen Wände, die sich zu einem gewaltigen gotischen Bogen in vier Meter Höhe vereinigten. Unsere Schritte hallten auf dem Gang und wäre es ein Diener im mittelalterlichen Gewand gewesen, der uns vorauseilte, dann hätte es uns nicht überrascht, auf der Stirnseite des Ganges in die königlichen Gemächer einzutreten. Statt dessen schloss sich eine Kammer an, in die ein fahrradgroßer, blitzeblanker Schreibtisch gezwängt war. Ein altersschwacher Hocker, der mächtig knarrte, als sich unser Interviewpartner auf ihm niederließ, und zwei mit speckig braunem Bezug bespannte Stühle, die er uns mit raumgreifender Geste empfahl, sollten uns als Gesprächskulisse dienen. Die Wänden waren kahl und wir vermissten sofort die Getränke, welche man uns üblicherweise anbot. Wären nicht bauliche Standards entstanden, die dies verhinderten, hätten wir gewettet, dass der Wind beständig durch die Kammer zog.

SPARGEL: Herr Schtrauß, bitte stellen Sie sich dem Teil unserer Leser, die Sie noch nicht kennen, kurz vor.
Schtrauß: Bitte nennen Sie mich Rico M.
SPARGEL: Also gut, obwohl Ihr Buch unter keinem Pseudonym erschienen ist. Herr Rico M., bitte stellen Sie sich kurz unseren Lesern vor.
Rico M.: Ohne Herr, Rico M. reicht. Ich heiße Rico M. und bin Schriftsteller.
SPARGEL: Ginge es etwas ausführlicher?
Rico M.: Gerne. Von Haus aus bin ich gelernter Kaufmann (Nach längerer Diskussion wurde aus studierter gelernter Kaufmann, Anm. der Red.). Nach mehreren Jahren der Büromaloche hatte ich die Faxen dicke und habe meinem Chef gründlich die Meinung gegeigt. Danach gammelte ich im Campingwagen meiner Eltern vor mich hin bin ich durch Europa gereist und fasste den Entschluss, mit dem Schreiben meine Brötchen zu verdienen. Heraus kam dann der erste Bestseller, weswegen Sie hier sind.
SPARGEL: Könnten Sie uns in die Entstehungsgeschichte Ihres ungewöhnlichen Werks einweihen, man schreibt ja nicht einfach einen Roman.
Rico M.: Eigentlich doch. Es ist schnell erzählt. Ich habe im November 2009 am National Novel Writing Month teilgenommen und gewonnen. Das gut hundert Seiten starke Manuskript musste ich nur noch geringfügig anpassen.
SPARGEL: Ein Roman in einem Monat, hört sich fast nach Werther’schen Dimensionen an. Goethe würde sich im Grab umdrehen. Wie haben Sie Ihren Schreibfluss aufrechterhalten?
Rico M.: Mit offenen Augen durch den Tag gehen, Banalitäten spiegeln und verfremden, den Kram täglich in drei Stunden zusammen tippen, Zack – fertig ist der Bestseller.


SPARGEL: Wo hatten Sie die besten Ideen?
Rico M. ringt um eine Antwort in Kehlmann’scher Tradition: Auf dem Klo. Dort sprudelte es aus mir heraus, dass können oder wollen Sie sich gar nicht ausmalen. Ich bin tagelang nicht mehr von dem Ding ‘runtergekommen und habe mein künstlerisches Schaffen dorthin verlegt. Auf dem, aber nicht für’n Lokus oder scheißen und schreiben ist einerlei, wie ich zu sagen pflege.
SPARGEL: Müssen wir uns merken. Wobei, manchmal ist es angenehmer, nicht alle künstlerischen Geheimnisse zu kennen. Den Rest behalten Sie bitte für sich.
Rico M.: Jungs, mit Euch macht es mir richtig Spaß. Wisst Ihr eigentlich, wie glücklich Ihr Euch schätzen dürft?
SPARGEL einhellig und in Vorfreude auf signierte Romanexemplare: Wieso?
Rico M.: Dies ist mein erstes Interview, in Absprache mit meiner Mutterm Agenten verweigere ich mich sonst allen Anfragen.
SPARGEL: Interessant, wie kommt es zu dieser, für einen jungen Autor wie Sie ungewöhnlichen Haltung?
Rico M.: Wissen Sie, zum Beispiel Bild-Interviews empfinde ich als Playboyauftritte für Männer, da will ich in eigener Sache lieber den Preis hochtreiben mache ich nicht mit. Künstlerische Emanzipation und so.
SPARGEL: Welch eine Ehre. Und was ist mit Kerner oder Gottschalk, gab es schon Anfragen (manchmal ist es schwer ernst zu bleiben, Anm. der Red.)?
Rico M.: Abgelehnt. Bei Kerner wird mir zu wenig Tacheles geredet, bei Gottschalk interessiert mich nur die Michelle. Ein knackiger Hüpfer. Sie liest allerdings nicht, wie mir ausgerichtet wurde, und findet Autoren unsexy.
SPARGEL: Sie waren ein Nobody. Unsere Leser interessiert, auf welche Weise Sie Ihr Manuskript an den Verlag brachten.
Rico M.: Ich hatte damals so’n Blog, den ich als geistige Müllhalde betrachtete. Einer der Verlagsfuzzis ist darauf gestoßen und hat mich angeschrieben. Sobald der Vertrag unterzeichnet war, habe ich den Blogmist sein lassen. (Die Seite hieß alltagsfantasien.de und liegt brach. Beim Lesen der Texte fragt man sich, ob das Manuskript von “Berufsmonotonie” aus Zonning Schtrauß’ Feder stammen konnte. Die Qualitätsunterschiede sind dramatisch, Anm. der Red.)
SPARGEL: Und weiterer Anstrengungen bedurfte es nicht?
Rico M.: Nö, lief von alleine. Genau wie das Schreiben.

Nachdem wir mit der letzten Frage den ersten*) unserer drei typischen Blöcke “der Mensch” abgearbeitet hatten, legten wir eine Pause ein, bevor wir uns “das Werk” und “die Zukunft” vornehmen wollten.

Eine lockere Unterhaltung im Plauderton entwickelte sich jedoch nicht. Unser Interviewpartner verschwand mit dem Hinweis “habe einen guten Einfall und bin gleich wieder da” in Richtung der Toilette, wir blieben im kahlen Raum zurück. Wir prüften unsere Notizen, stimmten die Fragen für die beiden ausstehenden Teile ab und warteten. Die Viertelstunde der Höflichkeit verstrich und weitere fünf Minuten, bevor wir in den Flur gingen, um uns nach dem Befinden von Herrn Schtrauß zu erkundigen.
“Sorry Jungs, habe gerade einen kreativen Schub”, vernahmen wir von der Tür, hinter der wir das Örtchen vermuteten.
“Rico M., wie lange wird es denn dauern?”
“Kann ich nicht genau sagen. Wenn’s läuft, muss man es laufen lassen.”
Wir blickten uns an und schüttelten den Kopf.
“Könnt Ihr wieder kommen, morgen um dieselbe Zeit vielleicht?”
“Das wird schwierig, wir haben viele Termine.”
“Okay, dann demnächst vielleicht. Wir telefonieren.”
Arschloch Klar. Viel Erfolg für Sie in der Zwischenzeit.”
“Danke, Jungs. Zieht Ihr die Tür ins Schloss?”
“Ja, machen wir, Du Idiot. Tschüß Rico.”
Die auf dem Rückweg begonnene Diskussion setzten wir in der Redaktionskonferenz fort und entschieden, die gesammelten Antworten zu veröffentlichen. Unser Interviewpartner hatte sich im Vorfeld einverstanden erklärt. Falls Sie irgendwelche Fragen an unseren Interviewpartner haben, reichen Sie sie gerne bei uns ein.

Ihr SPARGEL-Team

*) Unsere drei Standardfragen zum Thema Frauen haben wir auf Wunsch von Rico M. ausgelassen. Er sagte, dass er nicht ständig mit diesem Thema niedere Instinkte ansprechen und punkten wolle. Wir waren uns einig, dass ein Mann mit seinem Erfolg entweder gehasst oder geliebt wurde. Nach dem Interview tippen wir auf Ersteres.

Ode an die IT

O Du mächt’ges Gerät,

dass mir alles verrät.

Du bist mein Wissensquell,

weißt Rat, sekundenschnell.

Ohne Dich bin ich hilflos,

stelle mich gnadenlos bloß,

kann weder nach Dingen recherchieren

noch bei Pornos masturbieren.

Mails und News checken,

Neues über Promi X entdecken.

Mit allen in Kontakt stehen,

den ganzen Tag online sein,

von Zuhause die Arbeit versehen,

so wird man Mitglied im Verein

der Digital Natives,

klingt super, vor allem kreativ!

Neue Geräte sind der letzte Schrei.

Mit Deiner Privatsphäre ist’s bald vorbei.

Jeder wird wissen, wer Du bist,

was Du liest und wen Du küsst,

was Du Dir wünschst und erträumst,

welche Dinge Du in den Kühlschrank räumst.

Du musst Dich um nichts mehr kümmern,

keine Sorgen, kein nächtliches Wimmern.

P-A-U-S-E

Algorithmen berechnen Gedanken.

Prozeduren simulieren Gefühle.

Maschinen ersetzen Menschen.

Zahlen ersetzen Worte.

Computer codieren Gedichte

mit perfekten Reimen

frei von Kritik und Keimen.

Es bedarf nur einer Marionette, die den Mund bewegt,

so tut als ob das Schicksal der Welt sie erregt.

Bewerben ist aussichtslos, diese Stelle ist belegt,

von mir, dem digitalisierten, mitteljungen Poet.

Der Gewinnertyp

Für alle Sebastians und Christians im Raum.

Sebastian war ein Erfolgsmensch. Erfolg im negativsten Sinne des Wortes. Stolperten andere, stürzte Sebastian unglücklich zu Boden, schlug mit dem Gesicht auf und brach sich ein Stück Vorderzahn ab. Rappelte er sich gerade auf, fuhr ihn ein heranrasender Fahrradkurier über den Haufen und beförderte ihn ins Krankenhaus. Dort rutschte die Krankenschwester mehrfach mit der großen Kanüle ab, so dass sein linker Unterarm nur mit einer Notoperation gerettet werden konnte. Manchmal verlor er, aber meistens gewannen die anderen.

Sebastian war ein jugendlich wirkender Mittdreißiger. Dieses Jahr feierte er zum zehnten Mal seinen 25. Geburtstag. Er kämmte sich morgens die Haare zu einer Umstandsfrisur, die seine Geheimratsecken verdeckte. Trank jeden Abend einen halben Liter gequirlte Stutenmilch für den Teint und bestrich sich Gesicht und Hintern mit einer Meeralgenpaste, die er selbst anrührte.

Sebastian war ein Karrierebomber. Er hatte in Hamburg, Düsseldorf und Heidelberg studiert, was so viel hieß wie als Ersti in Hamburg keine Wohnung gefunden, in Düsseldorf ein unbezahltes Drei-Monats-Praktikum gemacht und in Heidelberg Bewerbungsunterlagen abgegeben, ohne einen Studienplatz zu erhalten. Stattdessen also ein BWL-Abschluss mit Schwerpunkt Marketing und Controlling an der FH Paderborn. Diesen Makel versuchte er mit einem Zweitstudium Romanistik an der Uni Hamburg zu vertuschen. Im sechsten Semester hatte er noch keinen einzigen Schein bestanden. Was unter anderem daran lag, dass er zu keiner Prüfung angetreten war und sich mit Gelegenheitsjobs als Ostsee-Animateur, Rikscha-Fahrer und Christian-Lindner-Double durchschlug.

Sebastian war ein Trendsetter. Vor zehn Jahren, direkt nach seinem BWL-Abschluss war er in eine schöne Eimsbütteler Altbauwohnung gezogen. Dort fühlte er sich sehr wohl bis ihm seine Vermieter, zwei Agenturnieten, auf Eigenbedarf kündigten. So wurde Sebastian zum Gentrifizierungsopfer und Möchtegern-Eimsbüttler. Seitdem lebte er in Niendorf und täuschte Eppendorf vor. Er gehörte schon zur Creme de la Creme der Digital Boheme als es noch gar keine Digital Natives gab. Lungerte mit seinem Gameboy und Palm PDA in der ersten Campus Suite herum. Schrieb Mails, während andere noch telefonierten. Wurde Nutzer des Monats bei StudiVZ, während andere den 1.000-Facebook-Freund fanden. Als seine Kommilitonen eine Punkband gründeten, sang er im Kirchenchor.

Sebastian war ein Börsengenie. Er hatte es leider versäumt, zu Zeiten der New Economy am Aktienmarkt Geld anzulegen und war beim Absahnen nicht dabei. Er hatte dann später kräftig investiert und bei fallenden Kursen immer wieder nachgekauft. Sich mit Commerzbank- und Solar-Millenium-Aktien eingedeckt. Bei der Finanzkrise und Griechenland-Pleite war er jetzt dabei.

Sebastian war ein Frauenheld. Beim Speeddating traf er eine dicke Friseurin mit Kurzhaarschnitt. Bei Hochzeiten saß er zwischen Jan und Christian am Solistentisch. In Wahrheit war Sebastian seit 35 Jahren Single. Seinen letzten Intimkontakt hatte er mit einem schwulen Urologen, der seine Hoden und Prostata gründlich abtastete.

Sebastian war ein unentdeckter Kreativer. Er galt als Dieter Bohlens jüngerer Halbbruder und Steve Jobs unehelicher Sohn. Ersteres hatte ihm Gott in einer Vision mitgeteilt und Letzteres streute er zumindest als Gerücht im Internet. Bei DSDS kam er sieben Mal in den Recall. Als Vertreter des Kameraassistenten, der sich in einem Billighotel bereitzuhalten hatte und dessen Dienste selten benötigt wurden. Sebastian entsprach nicht unbedingt der coolen Zuckerberg-Nerd-Variante mit Werberbrille und Sportschlappen, sondern eher dem verheimlichten, dunklen Bruder mit Kellerkind-Klamotten und 2007er Charme.

Dennoch war Sebastian eine Sportskanone. Er ging dreimal die Woche zum Bauch-Beine-Po oder Power-Yoga. Salsa war gestern, er tanzte Zumba. Stemmten andere Hantelgewichte, jonglierte er mit Legosteinen. Im Winter fuhr er Bob, im Sommer Liegefahrrad. Jeden Morgen bewunderte er im Spiegel seinen Waschbrettbauch, den er aus der Men’s Health ausgeschnitten und sich übers Glas geklebt hatte.

Sebastian war ein Slow-Food-Anhänger. Nachts von 23 bis sieben Uhr morgens lebte er vegan. Jeden Feiertag ernährte er sich vegetarisch, weil es bei seinen Eltern immer Innereien oder Zunge gab. Sonst aß er fast nichts. Montags gab’s Pizza, dienstags Döner, mittwochs ging’s zu McDonald’s, donnerstags Croque, freitags asiatisch, samstags Currywurst und sonntags ausnahmsweise Burger King.

Sebastian war ein engagierter Umweltschützer. Er trennte seinen Müll. Containerte Obst und Gemüse. Wusch sich nur alle drei Tage, um Wasser zu sparen. Litt deswegen an einem juckenden Ausschlag im Nacken und ging trotzdem nicht zum Arzt. Verzichtete auf eine gutbezahlte, seriöse Anstellung, um als Pendler keine zusätzlichen Emissionen zu verursachen. Er buchte höchstens drei Pauschalreisen pro Jahr und verließ vor Ort möglichst nie sein Zimmer, um die dortige Natur zu schonen. Über die Jahre hatte er sogar eine Atemtechnik entwickelt, die ihn fünf Prozent weniger Sauerstoff verbrauchen ließ.

Teilzeit-Trottel, Lebensabschnittslehrling, Apple-Asket, Sohn eines Ex-Millionärs, Praktikant der Rush Years des Lebens, zukünftiger Ex-Freund, Jetset-Jünger, Boulevard-Junkie, Affairen-Aspirant, Globalisierungsverweigerer und reflektierter Romantiker waren alles Etiketten, die hundertprozentig auf ihn zutrafen. Sebastian war eben ein Gewinnertyp.